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«Investieren Sie jetzt, und zwar in Ihr eigenes Finanzwissen!»

28. Juni 2020

Lesezeit: 10 Minuten

von Redaktion MAG/NET

Studienleiter Teodoro D. Cocca

Lernen Anleger aus Krisen? Finanzprofessor Teodoro Cocca über die Folgen des langen Jahrzehntes der Krisen auf das Verhalten von Private-Banking-Kunden – und wozu er jetzt Privatinvestoren und Banken rät.

Professor Cocca, Sie haben im Auftrag der LGT das Verhalten vermögender Privatinvestoren von der Finanzkrise 2008 bis zur Coronakrise 2020 wissenschaftlich untersucht. Was haben private Anleger aus den Krisen gelernt?
Die Anleger geben an, als Folge der Finanzkrise 2008 eine kritischere Haltung gegenüber Banken und Beratern eingenommen zu haben. Auch hätten sie auf Anlagen verzichtet, die sie nicht oder zu wenig verstehen. Und sie hätten versucht, sich mehr Finanzwissen anzueignen und Anlageentscheide faktenbasierter zu treffen ...

… Das sind ambitionierte Ziele. Ist es ihnen denn gelungen?
Es ist beim Versuch geblieben. Das Finanzwissen hat sich nach der Finanzkrise nicht verbessert. Dies deutet auf eine Lücke hin, auf Nachfrage nach Wissen, die nicht gedeckt wurde. Gerade bei den Anlegern mit geringem Finanzwissen wäre es aber sehr wichtig, das Niveau zu heben. Ganz generell betrachtet besteht hier noch grosses Potenzial.

Aktien seien überbewertet, gaben die Privatanleger an. Ihre umfassende Studie zeigt aber auch, dass die Investoren an Aktien dennoch festgehalten haben. Wie ist dies zu erklären? 
Anleger stecken im Aktien-Dilemma, wenn man es so nennen möchte. Sie sehen sich als Gefangene. Gefangen zwischen der Befürchtung, die einzige Vermögensklasse, die substanziell Rendite versprechen könnte, zu verpassen, und der Sorge davor, dass die Aktienmärkte überbewertet sind.

Das Wissen über eine Anlageklasse ist entscheidend dafür, ob in diese investiert wird.

Die befragten privaten Anleger sahen keine Alternative zu Aktien als Vermögensklasse, die richtig Rendite bringen kann?
In der Tat. Und sie entschieden sich, in Aktien engagiert zu bleiben. Sie haben dies aber ohne grosse Überzeugung getan.

Dabei gäbe es Alternativen zu Aktien: Alternative Anlagen wie beispielsweise Private Equity. Die Anlageklasse hat ihre Vorzüge längst unter Beweis gestellt und ist bei Institutionellen Investoren Standard. Privatanleger scheint dies nicht zu kümmern. Warum?
Auch hier spielt Wissen, beziehungsweise der Mangel daran, eine grosse Rolle. Unsere Erhebungen zeigen, dass der Wissensstand über eine Anlageklasse mitentscheidend ist dafür, ob ein Anleger in diese investiert.

A propos Finanzwissen: Neben jener nach Anlageklassen verbessert auch die geographische Diversifikation die Charakteristiken eines Portefeuilles. Wie steht es um die geographische Aufteilung der Anlagen in den Portfolios der privaten Anleger? 
Nicht gut, leider. Unsere Zahlen bestätigen ein bekanntes Phänomen, und dies eindrücklich. Der home bias, die Heimmarktorientierung, ist ausgeprägt: Schweizer Anleger legen im Durchschnitt zwei Drittel ihres Portfolios in Schweizer Aktien an. Historisch betrachtet hat sich daran wenig geändert. Diese starke Heimmarktorientierung ist auch in Deutschland und Österreich hoch, wenngleich etwas geringer ausgeprägt als in der Schweiz.

Warum ist dies ein Problem? 
Internationale Diversifikation reduziert das Risiko eines Portefeuilles. Dies ist unbestritten. Privatanleger nutzen dieses Potenzial zu wenig, und so wenig wie die Vorzüge, die der Einbezug mehrerer Anlageklassen bietet. Nach wie vor beschränken Private ihr Anlageuniversum auf Aktien, Anleihen und Cash. Alternative Anlagen bleiben aussen vor. Sie verpassen dadurch Chancen.

Privatanleger zahlen einen Preis, wenn sie diese Erkenntnisse nicht umsetzen?
Wissenschaftlich fundierte Langzeitbetrachtung zeigen eindeutig, dass alternative Anlagen - Private Equity ist nur ein Beispiel dafür - das Rendite-Risikoprofil eines Portefeuilles verbessern. Deshalb würde ich Privatanlegern empfehlen, den Blick darauf zu richten wie die Verwalter ganz grosser Vermögen ihr Kapital anlegen, Investoren, deren Zeithorizont sehr langfristig ist.

Sie meinen Stiftungsfonds privater amerikanischer Universitäten oder grosse Familienvermögen?
Zum Beispiel, ja. Diese Investoren halten alle mehrere Anlageklassen, darunter auch alternative Anlagen in ihren Portfolios. Sowohl die wissenschaftlichen Befunde wie die Erfahrungen und Performance dieser professionell verwalteten Vermögen deuten darauf hin, dass private Anleger gut beraten sind, sich damit auseinanderzusetzen.

Teodoro D. Cocca: Anleger haben es gut gemacht in der Corona-Krise
Teodoro D. Cocca: Anleger haben es gut gemacht in der Corona-Krise

Nachhaltige Anlagen haben in der Medienberichterstattung stark an Bedeutung gewonnen. Spiegelt sich diese Bedeutungszunahme in den Portefeuilles vermögender Privatanleger?
Nein. Das Thema Nachhaltigkeit ist bei den Privatanlegern nicht angekommen. Im Durchschnitt sind fünf Prozent ihres Portfolios in nachhaltigen Anlagen investiert. Offensichtlich klafft eine grosse Lücke zwischen medialer Berichterstattung sowie gesellschaftlicher Relevanz des Themas und der thematischen Umsetzung in den Portfolios privater Anleger. Die Umsetzung ist klar hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Welchen Anteil haben Banken und Bankberater daran, dass das Thema Nachhaltigkeit ein Schattendasein führt? 
Den Banken ist es nicht oder noch nicht gelungen, mit hoher Glaubwürdigkeit einen grossen Anteil der Kunden zu erreichen.

Worauf führen Sie dies zurück?
Das Thema Wissen ist auch hier zentral. Privatinvestoren wünschen mehr einschlägige Informationen, zum Beispiel zu Impact Investing oder zu Mikrokreditfinanzierungen. Anderseits haben einige Befragte den Eindruck, dass Nachhaltigkeit einfach eine Etikette ist, um Ihnen Produkte zu verkaufen.. Auch hier stecken Kunden in einem Dilemma. Sie möchten zwar in nachhaltige Anlagen investieren, trauen der Sache aber nicht ganz.

Nachhaltige Anlagen rentieren langfristig besser als konventionelle Engagements, oder zumindest nicht schlechter. Das zeigen wissenschaftliche Studien. Ist dieser Umstand den Anlegern bewusst? 
Nein. Es überwiegt die Einschätzung, dass nachhaltige Anlagen Renditeverzicht bedeuten. Nachhaltigkeit oder Rendite, entweder oder, denken viele Anleger. Aber dies kontrastiert mit empirischen Erkenntnissen. Neuere Studien zeigen, dass nachhaltiges Anlegen gar mit einem Renditevorteil verbunden ist. Auch hier eine Aufgabe, die in der Wissensvermittlung und der Ausbildung anzusiedeln ist. In einem ersten Schritt gilt es, das Wissen zunächst zu vertiefen, um Kunden dann in einem zweiten Schritt auf der Produktebene anzusprechen. Es gibt sicherlich Potenzial, um das zu verbessern. Ich bin überzeugt, dass grosse Fortschritte möglich sind.

Anleger gelten als irrationale Wesen. Hat sich dieser Befund in der Krise bestätigt?
Was heisst irrationales Verhalten in der Coronakrise? Schwer zu beurteilen, wenn man in der Krise ist. Erst im Nachhinein wird man das besser erkennen können. Geht man aber von klassischen Verhaltensmustern aus, so lässt sich sagen, dass sich die privaten Anleger eigentlich sehr vernünftig verhalten haben.

Woran erkennen Sie dies? 
Anleger haben nicht panikartig gehandelt, nicht überhastet Aktien erworben oder verkauft. Die meisten Anleger haben überhaupt nichts getan. Sie haben an ihrer langfristigen Strategie festgehalten. Diejenigen, die aktiv waren, haben zu günstigeren Kursen zugekauft. Aus heutiger Sicht betrachtet war Letzteres nicht das Dümmste. Alles in Allem überwiegt klar die Vernunft, die Ruhe, die Rationalität. Die klassischen Muster der Irrationalität konnte ich nicht erkennen.

Welche Ratschläge geben Sie aufgrund Ihrer Studienergebnisse den Anlegern? 
Investieren Sie. Investieren Sie jetzt, und zwar in ihr eigenes Finanzwissen! Das ist das Wichtigste. Und es gilt für die meisten Investoren. Anleger sollten Wissensvermittlung einfordern von ihrer Bank und von ihrem Berater. Dafür sind die Anbieter da. Und beide ziehen Nutzen daraus, wenn der Wissensstand der Anleger höher ist. Weiter rate ich den Anlegern, ihre Strategie der ruhigen Hand beizubehalten. Sie haben dies gut gemacht in der Coronakrise. Dies ist schwieriger als es aussehen mag. Das Durchhaltevermögen wird in den kommenden Monaten sicherlich herausgefordert werden, denn die Finanzmärkte bleiben turbulent. Und als letztes: Diversifizieren Sie ihr Portefeuille. Nutzen Sie die Vorzüge der Vermögensaufteilung!

Bilder: Daniel Mikkelsen

Wie ticken Privatanleger?

Im Rahmen des LGT Private Banking Reports führte die Abteilung für Asset Management der Johannes Kepler Universität Linz unter Leitung von Univ.-Prof. Dr. Teodoro D. Cocca im Januar und Februar 2020 die seit 2010 sechste Befragung zum Anlageverhalten von Private-Banking-Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz durch. Zentrales Kriterium für die Teilnahme an der Befragung war das frei verfügbare Anlagevermögen: in Deutschland und Österreich mehr als EUR 500 000 und in der Schweiz mehr als CHF 900 000. Aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Finanzmärkte wurde im April 2020 eine Anschlussbefragung mit den bereits im Januar durch das LINK Institut befragten Private-Banking-Kunden in der Schweiz durchgeführt.

Studienleiter Teodoro D. Cocca ist Professor für Asset and Wealth Management und Mitglied des Forschungsinstitutes für Bankwesen an der Johannes Kepler Universität Linz sowie Adjunct Professor am Swiss Finance Institute in Zürich und berät Finanzinstitute in strategischen Fragen. Davor war er für die Citibank, die Stern School of Business in New York sowie das Swiss Banking Institute der Universität Zürich tätig.

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