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«Private Equity erfordert viel Geduld»

10. Juni 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Sidi Staub, LGT

Yago del Villar, Leiter Offer Management LGT Private Banking

Yago del Villar verantwortet das Produktangebot für Privatkunden der LGT. Er erläutert, worauf Privatanleger bei Private Equity achten sollten und warum diese Anlageklasse nicht für jeden geeignet ist.

Herr del Villar, Private Equity ist für viele institutionelle Anleger eine zunehmend wichtige Anlageklasse. Sollten auch Privatanleger vermehrt in Private Equity investieren?So generell lässt sich das nicht sagen. Obwohl viel für diese Anlageklasse spricht, ist Private Equity nicht für jeden Anleger geeignet. Ähnlich wie beispielsweise bei Aktien sollten Investoren über eine erhöhte Risikofähigkeit und -bereitschaft verfügen und das investierte Kapital über längere Zeit binden können. Wenn ein privater Anleger aber das richtige Risikoprofil hat, dann bietet ihm Private Equity eine sehr attraktive Möglichkeit, sein Portfolio zusätzlich zu diversifizieren, weil die Korrelation zu traditionellen Anlagen gering ist. Gleichzeitig hat er die Chance, höhere Erträge als mit börsenkotierten Aktien zu erzielen. Private Equity ist aber im Vergleich zu traditionellen Anlageformen ziemlich komplex und deshalb erklärungsbedürftig: Wir legen deshalb sehr grossen Wert darauf, unsere Kunden über die Charakteristiken dieser Anlageform sowie über deren Chancen und Risiken vertieft zu beraten.


Was macht denn Private Equity für den Anleger so besonders?
Private Equity ähnelt in gewisser Hinsicht einer Anlage in börsenkotierte Aktien: Man beteiligt sich am Eigenkapital und partizipiert direkt am Unternehmenserfolg. Allerdings gibt es auch grosse Unterschiede: Der wichtigste liegt wohl beim Zeithorizont und der Liquidität: Wenn ich eine Nestlé-Aktie kaufe, dann kann ich jederzeit zum aktuellen Marktkurs ein- und auch wieder aussteigen. Bei einem Private-Equity-Investment muss ich hingegen einen Anlagehorizont von mindestens zehn Jahren mitbringen. Ich habe in der Regel keine Möglichkeit, vorzeitig wieder auszusteigen, und wenn, dann meistens nur mit erheblichen Verlusten. Diese stark eingeschränkte Liquidität ist der Preis für die im Vergleich zu börsenkotierten Aktien höheren Renditechancen. Eine weitere Besonderheit ist der zeitliche Verlauf der Kapitalströme: Als Private-Equity-Investor verpflichte ich mich zu einer bestimmten Kapitalzusage; dieses Kapital wird aber vom Fonds nicht sofort abgerufen, sondern erst dann, wenn er es für eine interessante Investitionsgelegenheit benötigt. Ebenso ist unbekannt, wann der Fonds die verschiedenen Beteiligungen wieder liquidiert und welche Gewinne er damit erzielt. Der Anleger weiss somit nicht, wann er mit Ausschüttungen rechnen kann und wie hoch diese ausfallen. Private Equity erfordert also viel Geduld und die Fähigkeit, mit unregelmässig gestaffelten Kapitalströme umzugehen. Diese Voraussetzungen bringt bei weitem nicht jeder Anleger mit.

Dachfonds ermöglichen eine Diversifizierung, die mit gleichem Anlagebetrag bei Direktinvestment unmöglich wäre.


Und wie sieht es mit der Transparenz von Private Equity aus?
Auch da besteht ein grosser Unterschied zu kotierten Aktien. Bei kotierten Aktien sind die für Anleger wichtigen Informationen für jedermann öffentlich zugänglich. Private-Equity-Fonds investieren aber meist in nicht-kotierte Unternehmen, die einer sehr beschränkten Publikationspflicht unterliegen. Wirklichen Einblick in den Geschäftsgang hat deshalb nur der Private-Equity-Fonds, nicht aber der einzelne Anleger. Ebenso wenig besteht Preistransparenz: Bei Nestlé weiss ich jederzeit, was eine Aktie am Markt wert ist und wie meine Gesamtperformance während eines bestimmten Zeitraums war. Bei Private Equity kenne ich die Gesamtperformance erst nach Liquidation des Fonds, also nach einer Investitionsdauer von mehreren Jahren. Zwar erfolgt vierteljährlich eine Bewertung des Netto-Inventarwerts, diese beruht aber nur auf Einschätzungen des Fondsmanagers.


Angenommen, ich möchte als Privatanleger in Private Equity investieren. Welche verschiedenen Möglichkeiten habe ich?
Direkte Anlagen in Unternehmen oder in Private-Equity-Fonds stehen nur den wenigsten Privatanlegern offen. Deshalb sind Dachfonds wohl die geeignetste Lösung für Privatanleger. Sie geben überhaupt erst Zugang zu dieser Anlageklasse und ermöglichen eine Diversifizierung, die mit dem gleichen Anlagebetrag bei direkten Investments unmöglich wäre.

Yago del Villar, Spezialist Private Equity
Yago del Villar, Spezialist Private Equity

Und wie sieht es mit börsenkotierten Private-Equity-Anlagen aus?
Börsenkotierte Aktien von Private-Equity-Gesellschaften oder börsenkotierte Fonds sind eine weitere Möglichkeit, um in Private Equity zu investieren. Über solche Instrumente hat man einen direkten und liquiden Zugang zu dieser Anlageklasse. Allerdings geht damit auch ein grosser Vorteil von Private Equity verloren, nämlich die vom Börsenverlauf relativ unabhängige Entwicklung der Renditen. Das heisst: Langfristig entsprechen die Erträge börsenkotierter Private-Equity-Anlagen im besten Fall denjenigen traditioneller Private-Equity-Beteiligungen. Auf kurze Sicht sind sie jedoch der Volatilität an den Börsen ausgesetzt, und ihr Wert kann sehr stark schwanken. Zu beachten ist auch, dass börsenkotierte Private-Equity-Gesellschaften oft über längere Zeiträume mit einem grossen Abschlag gegenüber dem Netto-Inventarwert ihrer Beteiligungen gehandelt werden.

 

Gibt es Zeiten, in denen sich ein Einstieg in Private Equity besonders lohnt?
Timing-Überlegungen sind bei Private Equity sekundär: Wegen der langen Haltefrist, die oft über mehr als einen Wirtschaftszyklus reicht, macht es wenig Sinn, den geeignetsten Zeitpunkt für ein Investment zu eruieren. Wichtiger ist es, dass man mit einer gewissen Regelmässigkeit investiert, also über verschiedene Wirtschaftsphasen diversifiziert. Ebenso sollte man über verschiedene Anlagemanager und -stile, unterschiedliche Entwicklungsphasen und Finanzierungsstadien der Unternehmen sowie über Branchen und geografische Regionen diversifizieren.

 

Wie wird sich Covid-19 potentiell auf diese Anlageklasse aus?
Obwohl sich die Aktienmärkte von den Tiefstständen im März erholt haben, gibt es immer noch erhebliche Verwerfungen mit Auswirkungen auf die Wirtschaft, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer zu quantifizieren sind. Private-Equity ist gegen solche wirtschaftlichen Schocks nicht immun, und obwohl keine zwei Krisen gleich sind, können uns vergangene Krisen, beispielsweise die globale Finanzkrise, einige Hinweise auf die potenziellen Auswirkungen geben. Der Blick in die Vergangenheit zeigt uns, dass sich Zeiten rascher Marktverwerfungen und wirtschaftlicher Kontraktion negativ auf die Vermögensbewertungen auswirken sowie zu reduzierten Ausschüttungen und höheren Kapitalabrufen führen. Dies weil die Fondsmanager Mittel zur Unterstützung ihrer Portfoliounternehmen benötigen. Wir haben auch gesehen, dass solche Zeiten sehr attraktiv für neue Engagements in der Anlageklasse sein können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Private Equity oft Investoren belohnt, die konsequent und durchdacht opportunistisch sind. Während es zweifellos Auswirkungen auf bestehende Private Equity-Portfolios geben wird, schaffen Marktverwerfungen Chancen für Investoren mit einem konsequenten Ansatz. Grunsätzlich sollten Investoren beim Aufbau von Private Equity-Portfolios langfristig denken, statt auf kurzfristige Marktstimmungen zu reagieren.

 

Worauf sollten Anleger zusätzlich achten, die in die Private-Equity-Lösungen von LGT investieren möchten?
Privatanleger sollten einen langen Anlagehorizont zwischen zehn und fünfzehn Jahren mitbringen und mindestens 250 000 US-Dollar, Euro oder Schweizerfranken investieren können. Wichtig ist auch das Domizilland des Anlegers. Hier müssen wir für jeden Kunden und je nach Programm prüfen, ob eine Anlage aus rechtlichen und regulatorischen Gründen überhaupt möglich ist.

 

Und wie hoch sollte der Anteil in einem diversifizierten Portfolio sein?
Die ideale Allokation hängt von der Risikofreude und dem Gesamtrenditeziel des Anlegers ab. In der Praxis gibt es grosse Schwankungen: Family Offices beispielsweise teilen Private Equity im Schnitt 26 Prozent des Portfolios zu, während dieser Anteil bei Pensionsfonds bei rund sechs Prozent liegt.

Bilder: Raphael Zubler

Anlagespezialist

Yago del Villar erwarb seinen Master-Abschluss an der Universidad Autónoma de Madrid und verfügt über rund 20 Jahre Erfahrung im Investment- und Private Banking. Er leitet bei der LGT das Offer Management Private Banking.

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