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Konjunkturausblick Japan: Gute Aussichten nach der Pandemie

7. April 2021

Lesezeit: 4 Minuten

von Wilson Cheung, Investment Strategist und Stefan Hofer, Chief Investment Strategist (LGT Private Banking Asia)

Gute Aussichten: Konjunkturausblick Japan

Die Reformen von Premierminister Shinzo Abe haben die wirtschaftliche Situation Japans verbessert. Wird das Land davon auch für die Zeit nach Covid-19 profitieren?

Die Covid-19-Pandemie hat einen langen Schatten auf die Weltwirtschaft geworfen, mit schweren Folgen für Mensch und Ökonomie. Auch Japan ist nicht ungeschoren davongekommen. Die Verschiebung der Olympischen Spiele 2020 in Tokio war alternativlos, ein in aller Öffentlichkeit erlittener Rückschlag voller Symbolik, der noch nicht vollständig aufgearbeitet ist.

Dennoch sollte die anhaltende Pandemie unserer Meinung nach nicht von wichtigen Entwicklungen ablenken. Vor dem Ausbruch des Virus ging die japanische Politik dringende, seit langem ausstehende Reformen an.

Abenomics – Reformen und eine lockere Geldpolitik

Japan hat seit 2012 einen bedeutenden strukturellen Wandel durchlaufen. Das lässt sich an zahlreichen Beispielen belegen. Ab 2012 wurde unter dem politischen Begriff der "Abenomics" wurden eine Vielzahl von Reformen durchgeführt und parallel dazu die Fiskal- und Geldpolitik aggressiv gelockert. In vielen Politikbereichen fanden einschneidende Veränderungen statt, aber einige stechen besonders hervor. Die Daten der Weltbank zeigen zum Beispiel, dass das Industrieland Japan im Jahr 2010 8,6 Millionen internationale Touristen begrüsste. Im Vergleich zu Ländern wie Spanien und Frankreich (die im Jahr 2010 94 bzw. 189 Millionen internationale Touristenankünfte verzeichneten) ist dieser Sektor sicher relativ niedrig.

Abenomics: Frauen wurden ermutigt und aktiv gefördert, eine abhängige Beschäftigung aufzunehmen.
Abenomics: Frauen wurden ermutigt und aktiv gefördert, eine abhängige Beschäftigung aufzunehmen.

Unter anderem durch die Liberalisierung der Visabestimmungen für Touristen konnte Japan laut der Weltbank die Zahl der ausländischen Besucher bis 2019 auf 32 Millionen steigern. Rein wirtschaftlich gesehen macht das mit dem internationalen Tourismus verbundene Einkommen 5% des BIP aus. Vor der Zeit der Abenomics war der Sektor noch gänzlich vernachlässigbar. Der plötzliche Stopp des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs aufgrund des Coronavirus hat die touristischen Ambitionen Japans ebenso hart getroffen wie die anderswo. Wir bleiben aber zuversichtlich, dass die reichen und vielfältigen kulturellen Schätze Japans für eine kräftige Erholung des Tourismus sorgen werden, sobald die Pandemie vorüber ist.

Informationen und Insights

Als einer der Research Experten der LGT beobachtet Investment Strategist Wilson Cheung von Hong Kong aus die globalen Märkte. Weitere Insights zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen finden Sie unter:

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Wachstum bei den berufstätigen Frauen

Ein weiterer Bereich, in dem sich gewaltige Veränderungen vollzogen haben, lässt sich am gestiegenen Anteil der Frauen an der Erwerbsbevölkerung festmachen. Vor den Abenomics (2011) lag die Erwerbsquote der Frauen laut Weltbank bei 63%. Frauen wurden ermutigt und aktiv gefördert, eine abhängige Beschäftigung aufzunehmen, sodass sich deren Erwerbsquote bis 2019 um fast zehn Prozent steigerte. Angesichts der alternden Gesellschaft und einer insgesamt schrumpfenden Bevölkerung ist die Stärkung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt unserer Ansicht nach eine wichtige Entwicklung.

Japan: Offene Stellen im Verhältnis zu Arbeitssuchenden

Tatsächlich fiel der Beginn der Pandemie in eine Zeit der Stärke auf dem japanischen Arbeitsmarkt: Das Verhältnis von offenen Stellen zu Bewerbern (die wohl am häufigsten verwendete Kennzahl zur Beurteilung des japanischen Arbeitsmarktes) lag nahe des historischen Höchststands, wie die Grafik zeigt. Mit anderen Worten: Auf jeden Arbeitssuchenden kamen 2019 1,6 freie Stellen. Mit Covid-19 ging die Nachfrage nach Arbeit - wie in den meisten Ländern - zurück. Der blieb aber über dem wichtigen Wert 1. Dies bedeutet, dass Japan im Gegensatz zu den anderen Volkswirtschaften der G7, insbesondere in den USA und Kanada, einen schweren Schock bei der Beschäftigung vermeiden konnte.

Ein deutliches Zeichen der Erholung

Ein häufiges Missverständnis über die wichtige Volkswirtschaft in Asien ist unserer Meinung nach, dass sich die Finanzmärkte und insbesondere die Immobilien nach Platzen der japanischen Blase nicht weiterentwickelt hätten. Es ist viel über die lang anhaltende Krise Japans nach dem Boom in den 1980er Jahren, die darauf folgende Deflation und die wirtschaftliche Stagnation in den 1990er Jahren geschrieben worden. Stand heute sendet die deutliche Wertentwicklung bei den Vermögenspreisen, einschliesslich der Immobilien, ein deutliches Zeichen der Erholung aus. Die Grafik zeigt den Preis pro Quadratmeter für neue Eigentumswohnungen in der Region Tokio. Seit 2012 ziehen die Preise deutlich an. Der zentrale Index für japanische Aktien, der Nikkei 225, zeigt ein ähnliches Muster.

Indikator für wirtschaftliche Entwicklung in Japan: Preise für neue Eigentumswohnungen pro Quadratmeter

Ausblick

Mit dem Amtsantritt von Yoshihide Suga als Premierminister im September 2020 befinden wir uns in der Post-Abenomics-Ära. Grund genug zu fragen, was die Zukunft bringt. Was können Investoren in Japan erwarten, wenn sich die Welt nach Covid-19 wieder erholt? Zum einen gehen wir davon aus, dass die breit angelegten Reformbemühungen der Abenomics unter der Regierung Sugas fortgesetzt werden. Andererseits ist Japans Wirtschaft (ähnlich der Deutschlands) stark exportorientiert. Laut des Präsidialamtes Japans liegt die Exportquote bei ca. 18%. Derzeit verzeichen die Exporte des verarbeitenden Gewerbes durch die schrittweisen Öffnung in vielen Ländern einen weltweiten Aufschwung. Verbraucher und Unternehmen kehren so weit wie möglich wieder zur Normalität von vor der Pandemie zurück.

Die japanische Wirtschaft sollte demnach gut positioniert sein, um von der aktuellen Belebung der Verbraucher- und Unternehmensnachfrage zu profitieren. Konsens am Finanzmarkt ist, dass die Gewinne japanischer Unternehmen, so Goldman Sachs, im Fiskaljahr 2021 um +46% wachsen könnten; das wäre deutlich stärker als in Europa (+33%) und den USA (+22%). Dies lässt sich zum Teil durch die Zusammensetzung des japanischen Aktienmarktes erklären: Laut Daten von Morgan Stanley machen sogenannte zyklische und "Value-"Aktien 53% des Index aus (Stand: November 2020). Wie die Bezeichnung vermuten lässt, handelt es sich dabei um Unternehmen, die mit dem globalen Konjunkturzyklus steigen und fallen. Falls sich unsere Annahmen bewahrheiten und sich die Wirtschaft 2021/22 mit Überwindung der Covid-19- Krise erholt, sollten Investoren Japan auf jeden Fall auf dem Radar haben.

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