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Bergsteiger Reinhold Messner: Erkenntnisse nach vierzehn Achttausendern

4. Mai 2021

Lesezeit: 8 Minuten

von Franziska Zydek, Gastautorin

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Als Erster ohne Sauerstoff auf dem Mount Everest, als Erster auf den Gipfeln aller vierzehn Achttausender – was treibt Reinhold Messner, weltbekannter Bergsteiger und Abenteurer, an? 

Das Villnösstal in Südtirol. Gleich hinter der Autobahnausfahrt windet sich die Strasse durch einen Tobel bergauf, unten tost der Bach dem Eisack entgegen. Dann Bauernhöfe, Weiden, ein Weiler. Holzbretter liegen ordentlich geschichtet vor einer Sägerei. Der Ort St. Peter klebt am Südhang. Nach ein paar Kurven in Richtung Würzpass blickt man auf das Ende des Tals hinab. Dort steht, umgeben von sauber gemähten Almwiesen, ein Kirchlein im Sonnenschein. Dahinter, überraschend und völlig unwirklich, ein gewaltiger Felsriegel – die Geislerspitzen. An diesem Tag hängen Gewitterwolken, schwarzblau wie Tinte, hinter den Türmen aus Dolomitengestein. In dieser Beleuchtung erscheinen sie wie graue Fingerknochen, die direkt in den Himmel zeigen. Welch ein Bild: hier die Welt der rechtschaffenden Talbewohner, dort die Berge mit ihrer Verheissung von Freiheit und Abenteuer.

Der Traum von Freiheit und Anarchie

Der Lehrer Josef Messner aus St. Peter im Villnösstal brachte seinen Söhnen das Klettern bei. Besonders geschickt und ausdauernd erwies sich der Zweitälteste, Reinhold. Der stand im Alter von fünf Jahren bereits auf seinem ersten Gipfel.

Unterdessen 76 Jahre alt, sitzt Reinhold Messner im Innenhof des Messner Mountain Museum Firmian auf Schloss Sigmundskron oberhalb von Bozen. Hier ist das Zentrum seines Museenimperiums, das sechs verschiedene Standorte umfasst, ein jeder einem Aspekt des Themas «Berge» zugeordnet. 15 Jahre hat er gebraucht, um dieses Projekt zu realisieren. 

Messner ist ein Mann der sich sparsam bewegt, feingliedrig, mit grossen Händen und noch immer wildem Haar. «Moral ist die Summe des Denkens der Spiessbürger», mit diesem Satz eröffnet er unser Gespräch über Identität. Eine Klarstellung. Gleich zu Anfang will Messner verstanden wissen, worum es ihm geht: um ein Leben, das nicht von den Vorstellungen anderer Menschen eingeschränkt wird, die behaupten zu wissen, wie man zu leben habe.

So war es damals, im Villnösstal seiner Jugend, wo der strenge Vater herrschte und der Herr Pfarrer sagte, was Recht ist. «Diese Enge. Alles war geregelt, die Arbeit, die Freizeit, der Kirchgang. Immerzu gab es nur richtig oder falsch, erlaubt oder verboten», erinnert sich Messner. In den Bergen hingegen war Weite, ein Gefühl von Unabhängigkeit. «In jeder freien Minute zog es meine Brüder und mich hinauf zu den Geislerspitzen. Wir liessen die Zivilisation mit ihren Regeln und Zwängen, mit ihren Dörfern und Gotteshäusern hinter uns. Die Leere über den Gipfeln, der Fels, der niemandem gehört, das war unser Raum.» 

Rührt daher seine Liebe zu den Bergen? Er schüttelt den Kopf. «Wir liebten nicht die Berge. Wir liebten unser anarchisches Leben. Und mit Anarchie meine ich: keine Macht für niemanden. Jeder fällte seine eigenen Entscheidungen und handelte seinen Fähigkeiten entsprechend. Seither weiss ich: Freiheit ist auch das, was wir aus unseren Möglichkeiten machen.»

Selbstmächtigkeit spüren

Reinhold Messner hat viel aus seinen Möglichkeiten gemacht. Kein Bergsteiger, kein Abenteurer seiner Zeit war erfolgreicher. Er stand als erster Mensch auf allen vierzehn Achttausendern der Welt. Er hat als Erster den Gipfel des Mount Everest allein erreicht, und zuvor, ebenfalls als Erster, im Alleingang den Nanga Parbat bestiegen – beides ohne die Hilfe von Flaschensauerstoff. Er durchquerte die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi. «Ich habe zweimal zu Fuss den Globus umrundet und bin so weit und so hoch gekommen, wie es für mich weiter und höher nicht ging.» 

Was trieb ihn an? Zuerst war da ein Gefühl von Unverwundbarkeit, das den hochbegabten jungen Bergsteiger, meist zusammen mit seinem Bruder Günther, durch die Felswände tanzen liess. «Wie Wasser, das bergauf fliesst», sei er geklettert, erinnert sich ein Zeitgenosse. «Mich reizte das sogenannte Unmögliche», sagt Messner der selbst im Schlaf noch Berge bestieg und davon träumte, so hart an die Grenze des Machbaren zu gehen, dass niemand seine Routen wiederholen könne. 

Doch da war noch etwas anderes. Reinhold Messner spürte, wie seine körperlichen und mentalen Kräfte wuchsen und ihn befähigten, immer klarer zu fokussieren, seine Energie immer gezielter zu bündeln und auszurichten: «Das Bewusstsein von 1000 Meter Tiefe unter dir, die Todesgefahr, die Angst vor dem Absturz – alles weg», sagt er. «Es gibt nur noch den nächsten Zug auf dem Weg nach oben und das absolut wache, bewusste Dasein im Moment.» 

Ein Leben im Hier und Jetzt, wie es intensiver nicht denkbar ist. Und dies über kaum fassbare Zeiträume. Denn Zeit kann sich unter extremen Bedingungen ins Unendliche dehnen oder zu einem Nichts schrumpfen: «Wenn man ganz in sich ist, wenn man eins wird mit der Wand, fliegt sie dahin. Quälend langsam vergeht sie in ausweglosen Situationen, im Entsetzen bleibt sie stehen. Die Wahrnehmung von Zeit hängt mit der Intensität des jeweiligen Erlebnisses zusammen.»

Dieses starke, unverfälschte Ichgefühl unter Lebensgefahr, nur der eigenen Kraft und Geschicklichkeit vertrauend, in einem den Naturgewalten ausgesetzten, zeitlosen Raum, wie muss man sich das vorstellen? «Als etwas sehr Archaisches.» Reinhold Messner zögert einen Moment, bevor er hinzufügt: «In diesen Situationen spürt man Selbstmächtigkeit. Man fühlt sich mit der eigenen Urnatur verbunden.»

Der Urnatur auf der Spur

Zuerst unbewusst, später mit immer grösserer Neugier hat Reinhold Messner diese Urnatur erforscht. Heute ist er überzeugt, dass in jedem von uns mehr vom Steinzeitmenschen steckt, als wir für möglich halten. Dass die allein dem Überleben verpflichtete Menschennatur unserer Vorfahren in unseren Genen verankert ist als eine Prägung, die tief im Unbewussten schlummert und in Momenten grösster Gefahr erwacht. 

Im Vorwort seines Buches «Über Leben», einer persönlichen Rückschau, die zu seinem siebzigsten Geburtstag erschien, schreibt Messner: «Abenteuerreisen, Extremsport und Aktivurlaub sind heute gefragt wie nie zuvor. Vielleicht, denke ich, steckt unbewusst der Wunsch dahinter, durch ein Fenster zurück auf unser früheres menschliches Dasein zu schauen. Um zu erfahren, wie es einst war mit uns und unseren Möglichkeiten.» 

Immer wieder ist er durch dieses Zeitfenster hinausgestiegen in extreme Landschaften, hat dort die Grenzen seiner Möglichkeiten ausgereizt. «In archaischen Räumen ist die Gefahr der wichtigste Lehrmeister», sagt er. «In lebensbedrohenden Situationen wachsen einem Leadership, Risikomanagement und Erfolgsstrategie ganz selbstverständlich zu. Das ist wie ein Naturgesetz.» Ohne es damals zu wissen, habe er – im Grunde wie ein Urmensch – in ungezählten Expeditionen ausprobiert, wie Überleben funktioniert. 

Identitätsfindung im Moment der Gefahr

Reinhold Messner hat gut vier Dutzend Bücher und zahllose Artikel über seine Abenteuer geschrieben. In ihnen schildert er auch die Eigenschaften, die es zum Überleben braucht: Leistungsfähigkeit, Durchhaltewillen und Disziplin, Geschicklichkeit, Geduld und Schnelligkeit. Der Grenzgänger brachte seinem Körper bei, über lange Zeiträume ohne Nahrung oder Wasser auszukommen. Er schaute dem Steinschlag in der Wand entgegen, damit er sich auf die richtige Seite wegducken konnte. War in Sekundenbruchteilen auf den Beinen und aus dem Zelt, wenn er eine Lawine kommen hörte. 

Fähigkeiten, die man mehr oder weniger trainieren kann. Doch was ist mit Gedanken und Gefühlen? Was denkt man nachts im Zelt, wenn jeden Moment eine Lawine kommen könnte? «Nichts», sagt Reinhold Messner. Meditiert er? «Nein!» Auf keinen Fall möchte er als esoterisch wahrgenommen werden. «Ich denke nichts, weil denken Energie kostet.» Messner hat gelernt, das Gedankenkarussell im Kopf anzuhalten, um zu innerer Entspannung zu gelangen. In Momenten der Gefahr gerät er nicht in Panik, er wird ruhig, vermag klare Gedanken zu fassen. «Gefahren haben mein Leben bereichert», sagt er. «Im Umgang mit ihnen habe ich gelernt, wer ich bin.» 

Seine Expeditionen bereitete Reinhold Messner akribisch und oft in jahrelanger Arbeit vor. Zu einer Reise ins Ungewisse wurden seine Unternehmungen erst dann, wenn er nicht vorausberechenbaren Ereignissen ausgesetzt war. Wenn während der Alleinbesteigung des Nanga Parbat die Erde bebte oder in der Arktis das Packeis aufbrach, worauf vertraute er dann mehr: auf Kopf oder Bauch?

 «Ich würde es nie wagen, meinen Instinkten zu misstrauen», sagt er spontan und präzisiert nach kurzem Überlegen: «In kritischen Situationen hilft zuallererst die eigene Erfahrung. Sie wird ergänzt durch die überlieferten Erfahrungen anderer Menschen, die sich bereits in ähnlichen Situationen befunden haben. Dazu kommt, aus tiefster Erinnerung, ein Wissen hoch, das aus der Steinzeit sein könnte.» 

Instinkt aber sei mehr als die Summe dieser Erfahrungen: «In Gefahr durchbricht der Instinkt alle Gedankenmauern und zwingt uns zu handeln. Oft vom Intellekt nicht mehr kontrollierbar. Instinkt ist nicht nur schneller als der Verstand, er ist auch nachhaltiger – vielleicht, weil er schon seit Urzeiten zum Menschsein gehört.»

Was waren für ihn die tiefsten Begegnungen mit der eigenen Natur? Ganz allein, unter extremen Belastungen, sei er manchmal kurz davor gewesen, verrückt zu werden, bekennt Reinhold Messner. Er habe sich schon neben sich selbst herlaufen sehen, habe mit Menschen geredet, die in Wirklichkeit nicht da waren, nicht da sein konnten. Der Marsch durch die Flugsandwüse Takla Makan erschien ihm streckenweise «wie ein Herumtasten zwischen den Irrlichtern der Extase». «Es ist hoffnungslos still, wenn man ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist und vertraute Stimmen in den Ohren wiederhallen.» 

Der Geschichtenerzähler und Bewahrer

Ist er unter Menschen, dann dauert es nicht lange, da stossen sie sich gegenseitig an, schauen herüber, bringen ihre Smartphones in Stellung. Man spürt eine kollektive Aufregung: Dort hinten sitzt der grosse Bergsteiger und Abenteurer höchstpersönlich! Reinhold Messner reagiert gelassen und mit grashalmfeinem Lächeln. Er ist sich der Wirkung seiner Person bewusst. 

Er verfügt über Präsenz. Obwohl kein Hüne von Gestalt, ist er nicht zu übersehen. Das mag an seinem Löwenhaupt liegen – was die einfachste Erklärung wäre. Es ist aber auch möglich, dass das, was er Urnatur nennt, für andere spürbar ist, ihn umgibt wie eine Art Kraftfeld. Menschen wie er sind selten geworden in der heutigen Zeit. Wohl auch, weil die Freiräume die sie brauchen, um zu wachsen, immer kleiner werden.

Das weiss auch Reinhold Messner. In der auf den schnellen Adrenalin-Kick ausgerichteten No-Limits-Gesellschaft der Gegenwart, in der wild sein vielfach nur Attitüde sei, habe einer wie er keinen Platz mehr. Denn Reinhold Messner ging es stets um das Ausgesetztsein in unberührten Naturlandschaften und um das Überleben mit einem Minimum an Ausrüstung – weshalb er auf Bohrhaken, Sauerstoffmasken und Satellitentelefone verzichtete. In einem seiner Texte bezeichnet er sich daher selbstironisch als bergsteigenden Neandertaler. Ein Bild, zu dem eine weitere Facette seiner Persönlichkeit sehr gut passt: Messner ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. 

Messner Mountain Museum
2015 wurde das sechste und letzte Messner Mountain Museum Corones auf dem Kronplatz eröffnet. Ein atemberaubend kühner Bau der Architektin Zaha Hadid. © Gerhard Hagen/Poolima/laif

Mehr als mit allem, was er je geschrieben hat, erreicht er die Menschen mit dem, was er persönlich berichtet. Auf seinen Vortragsreisen rund um die Welt füllt er Hallen, einmal sogar die Arena von Verona. «Dabei halte ich gar keine Vorträge», sagt er: «Ich trete auf.» Wobei auch das nicht ganz stimmt. Denn anders als ein Popstar, der sich auf einer Bühne in bestem Licht präsentiert, kommt Reinhold Messner ohne Requisiten aus. Er steht ganz einfach da und spricht. 

Das ist authentisch, lebendig und spannend. Und es kann durchaus passieren, dass er sich so tief in einer seiner Erzählungen verliert, dass er in Tränen ausbricht. Seine Geschichten gibt es nicht schriftlich, kein Band zeichnet sie auf. Sie sind, wie einst in grauer Vorzeit, mündlich überlieferte Zeugnisse von Ereignissen und Heldentaten – aufgehoben im Gedächtnis der Zuhörer und nur deshalb erinnert, weil die Kunst des Erzählers sie bewahrenswert macht.

Der fünfzehnte Achttausender

Erinnern, bewahren, weitergeben – das eigene Lebenswerk anderen Menschen zugänglich machen, Spuren hinterlassen, die auch in der Zukunft noch sichtbar sind. Diese Gedanken standen Pate für Reinhold Messners Museumsprojekt, das der leidenschaftliche Sammler nach einem Unfall, der seinen Expeditionen ein Ende setzte, in Angriff nahm. 2015 wurde das sechste und letzte Messner Mountain Museum Corones auf dem Kronplatz eröffnet. Ein atemberaubend kühner Bau der Architektin Zaha Hadid.

Die Verwirklichung seines Museumsprojektes machte Reinhold Messner die Grenzen seiner archaischen Lebensweise bewusst. Denn er agierte erstmals nicht in der Wildnis, sondern in einem regulierten öffentlichen Raum. Hier ging es nicht um die Gesetze der Natur, sondern um Gesetzbücher und Paragraphen, Ämter und Behörden, Politiker und Medien.

Eine Lokalzeitung schoss sich auf ihn ein und bot den Gegnern seines Projektes eine Plattform. Viel böses Blut wallte auf. Sich in dieser menschgemachten Steilwand zurechtzufinden, sei ihm anfangs extrem schwergefallen, gibt Messner zu. Doch mit der Zeit habe er gelernt, strategisch zu denken und zu handeln, das habe geholfen, Steine aus dem Weg zu räumen. Schlussendlich könne er sich bei seinen Gegnern bedanken, an ihrem Widerstand sei er gewachsen. In der Rückschau bezeichnet Reinhold Messner das Museumsprojekt als seinen fünfzehnten Achttausender.

Bilder: Christian Breitler

Dieser Beitrag ist erstmals im LGT Kundenmagazin CREDO erschienen.

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