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Fliegen Sie noch oder kompensieren Sie schon?

20. Juli 2020

Lesezeit: 10 Minuten

von Simon Usborne, Gastautor

CO2 Kompensation Flüge

Die Kohlenstoffemissionen Ihres Fluges kompensieren: Was bedeutet das genau? Und warum wird das Angebot noch immer kontrovers diskutiert?

In vielerlei Hinsicht war es nur ein weiteres Kapitel in einer königlichen Seifenoper. Im letzten Juli sprachen der Herzog und die Herzogin von Sussex in ernsten Worten über die Klimakrise. "Bei fast 7.7 Milliarden Menschen, die diese Erde bewohnen, macht jede Entscheidung, jeder Fussabdruck, jede Handlung einen Unterschied", schrieb Harry in einem Instagram-Beitrag. Einen Monat später reiste das Paar für einen Urlaub nach Südfrankreich – in einem Privatjet.

Die Zeitungen prangerten das Paar wegen ihrer offensichtlichen Heuchelei an. Ihre Reise hatte Schätzungen zufolge pro Person sieben Mal mehr Kohlenstoff ausgestossen als ein kommerzieller Flug. Aber – Moment – so einfach war das nicht, wurde uns gesagt. Sir Elton John, der das Ehepaar in seiner Villa in der Nähe von Nizza beherbergte, wies darauf hin, dass er nicht nur den Flug bezahlt, sondern durch Spenden auch dessen Emissionen kompensiert habe.

Eine heftige Debatte

Der Streit heizte eine ohnehin bereits heftige Debatte an. Länder, Unternehmen und Konsumenten auf der ganzen Welt ringen um die Erfüllung von Emissionszielen, die immer unerreichbarer scheinen. Ist Geld für solche Projekte eine wichtige Waffe im Kampf gegen den Klimawandel – oder ein Vorwand von Einzelpersonen und Unternehmen, um Investitionen in sinnvollere Veränderungen zu vermeiden?

Das Konzept des CO2-Kompensation gibt es seit Ende der 1990er Jahre, aber 2005 wurde ein Gang zugelegt. Das Kyoto-Protokoll, ein internationales Abkommen zum Klimawandel, gab den Anstoss, einen noch jungen Markt zu standardisieren, der drei Jahre später 790 Millionen Dollar wert war.

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Vereinfacht gesagt funktionierte es so: Klimafreundliche Projekte, vor allem in Entwicklungsländern, verkauften über Berater und Makler Gutschriften an Käufer, die ihre Emissionen ausgleichen wollten, seien es Einzelpersonen mit Jets, grosse Unternehmen mit kohlenstoffspeienden Fabriken – oder ganze Nationen, die einen schnelleren Weg suchten, ihren ökologischen Fussabdruck zu verkleinern. Unabhängige Stellen würden Projekte bewerten und zertifizieren.

Dann kam der Crash von 2008. Er machte den Fortschritt beinahe vollständig zunichte. Wo zuvor Projekte gediehen, drohte eine Reihe von Fehlschlägen und Lücken in der Regulierung die grüne Absicht auszuhöhlen. Bäume wurden an nicht nachhaltigen Orten gepflanzt, wobei die Bedürfnisse von Gemeinden oder die Beschaffenheit der bepflanzten Gebiete ignoriert wurden. In einigen Fällen wurden sogar Palmölplantagen als "Wiederaufforstung" verkauft, obwohl sie nur gepflanzt wurden, um Jahre später wieder abgeholzt zu werden.

Ob nachhaltige Wiederaufforstung, die Kohlenstoffemissionen besonders gut bindet oder das Verteilen von energieeffizienten Kochherden in Entwicklungsländern, dank dem Kohlenstoffemissionen gesenkt werden: Selbst wenn die Projekte Emissionen wirksam ausglichen, liess die zugrundeliegende Kritik nicht auf sich warten. Kompensation "ist kein Königsweg, und die Gefahr besteht darin, dass sie zu Selbstgefälligkeit werden kann", sagte der UN-Umweltklimaexperte Niklas Hagelberg im vergangenen Jahr.

Nicht besonders beliebt

Es ist vielleicht nicht überraschend, dass auf Konsumentenebene die Unterstützung für Flugkompensationen gering war, selbst wenn Elton John ein Fan ist. Laut der International Air Transport Association kompensieren nur 1% der Flugpassagiere ihre Emissionen freiwillig. Die Fluggesellschaften bieten zwar Kompensationen an, aber sie sind nur selten ein beliebter Teil des Buchungsprozesses.

In den letzten Jahren jedoch hat der CO2-Ausgleich einen Gang zugelegt: Unternehmen investieren Rekordsummen in Gutschriften und Regierungen versuchen, Regulierung und Mitarbeit zu stärken. Angesichts der sich abzeichnenden Emissionsziele verstehen selbst Kritiker den neuen, zunehmend ausgereiften Kompensationsmarkt als ein wichtiges Instrument, auch wenn es mit Vorsicht und ohne Selbstgefälligkeit zu handhaben ist.

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Trotz ihrer Vorbehalte unterstützt die UNO Kompensationen als vorübergehende Massnahme. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen selbst sagt, dass es seit 2008 klimaneutral ist – zum Teil dank des Kaufs von Emissionsgutschriften – während es im gleichen Zeitraum seine Emissionen um 35 Prozent reduziert hat. 

Der Kauf von Emissionsgutschriften durch Unternehmen hat sich bis heute verdoppelt. Wahrscheinlich am bemerkenswertesten ist, dass dazu auch Ölfirmen gehören. Shell hat 300 Millionen Dollar (270 Millionen Euro) in Waldplantagen gepumpt, um seinen Kohlenstoff-Fussabdruck um 2-3 Prozent zu reduzieren, während Frankreichs Total eine neue Einheit angekündigt hat, die 100 Millionen Dollar pro Jahr für den Ausgleich ausgeben soll.

In Grossbritannien kündigte die Regierung im vergangenen Jahr an, dass sie Beweise für bessere Lösungen sammelt, um die Auswirkungen des Reisens auf die Umwelt zu reduzieren – mit Fokus auf dem Kohlenstoffausgleich. Eine Idee ist, Ticketverkäufer, einschliesslich Fluggesellschaften, zu zwingen, die Option zum Kohlenstoffausgleich während des Buchungsprozesses durch Ankreuzen eines Kästchens einzubeziehen. Die Minister erwägen auch ein Opt-out-Modell.

Die Krise überwinden

Die Fluggesellschaften beginnen auch, über ein erforderliches Minimum hinaus auszugleichen; im vergangenen Jahr sagte Easyjet, dass es 7,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid kaufen würde, um die Flüge eines Jahres abzudecken (das war, bevor die Covid-19 die Luftfahrt am Boden hielt). Das Unternehmen schloss den Vertrag mit EcoAct ab, einer rasch expandierenden Pariser Umweltberatungsfirma, zu deren Kunden auch Telefonica und Coca-Cola gehören. 

Eines der EcoAct-Projekte ist ein Beispiel dafür, wie eine gute Kompensation einen breiteren, gesellschaftlichen Nutzen haben kann; die 60'000 effizienten Kochherde, die EcoAct in einer Region in Kenia verteilt hat, benötigen 60% weniger Brennholz. Das bedeutet weniger gefällte Bäume, weniger Zeit für das Sammeln von Holz, mehr Beschäftigung (die Öfen werden lokal hergestellt) und sauberere Luft in den Häusern.

SDG Ziele Climate Action

Die Standards für die Zertifizierung von Kohlenstoffprojekten sind heute viel höher als während des ersten Kompensationsbooms, sagen die Befürworter eines modernen Kompensationssystems. Aber das Kreditsystem bleibt ein leidiges Thema unter Umweltschützern, insbesondere auf nationaler Ebene. Auf der jährlichen Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Madrid im vergangenen Dezember konnten sich die Delegierten nicht auf eine verbesserte Regulierung der Kohlenstoffmärkte einigen, in denen Länder nationale Emissionen ausgleichen können, um ihre Ziele zu erreichen.

 Die Corona-Pandemie hat das Bild noch verkompliziert und dem neuen Boom Luft entzogen. Die Fluggesellschaften haben Lobbyarbeit geleistet, um die Anforderungen an den Kohlenstoffausgleich und die Reduzierung zu lockern, denen sie zuvor zugestimmt hatten. Umweltschützer befürchten, dass der kurzfristige Nutzen eines drastisch reduzierten Flugverkehrs während des Lockdowns und gesperrter Grenzen verblassen könnte, wenn es den Fluggesellschaften gestattet wird, ihre Emissionsverpflichtungen zurückzunehmen, sobald der Himmel wieder voll ist.

 Es wird einige Zeit dauern, bis die neu belebte Ausgleichsindustrie von einer globalen Krise erholt. Langfristig könnte die Dynamik, die sie bei der Reaktion auf eine wohl viel grössere Bedrohung gewonnen hat, durchaus unwiderstehlich sein. Für die Verbraucher währenddessen, seien es Prinzen oder Urlauber, könnte die Entscheidung, ihre Emissionen auszugleichen, noch für einige Zeit ihre eigene bleiben.

Kein Ablasshandel

Seit 2010 kompensiert die LGT ihre jährlichen Treibhausgasemissionen – seit 2019 mit einem Windkraftprojekt in Indien. Dort wurden 15 Windenergieanlagen mit je 1.5 MW Leistung installiert. Rund 55'000 Menschen erhalten so saubere Energie und können ihre Abhängigkeit von fossiler Energie reduzieren. Ausserdem werden durch das Projekt neue Beschäftigungsmöglichkeiten vor Ort geschaffen, die dazu beitragen, die Armut in der Region zu bekämpfen. Die Kompensation entfaltet dadurch neben der ökologischen auch eine soziale Wirkung. Sie ist für die LGT daher nicht ein Ablasshandel, sondern eine dringende Notwendigkeit neben vielen anderen im Kampf gegen den Klimawandel.

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