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"Millenials übernehmen bald die Führung"

6. Juli 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Laura Gianesi, LGT

Steve Westly

Der kalifornische Risikokapitalgeber und Unternehmer Steve Westly über schwarzes Gold, E-Autos und das Ende der Deglobalisierung. 

Risikokapitalgeber, Philanthrop, Politiker, Dozent, Schriftsteller. Steve Westlys Geschichte, seine Erfahrungen und Leistungen machen den Kalifornier zu einer der spannendsten Stimmen zur Zukunft nachhaltiger Investitionen und sauberer Energie. Mit MAG/NET spricht er über die Bedeutung der "neuen Normalität", die Zukunft des Öls und die Gründe, warum Deglobalisierung nicht die Zukunft ist. 

Herr Westly, in einigen Teilen der Welt kehren die Menschen langsam aber sicher zur Normalität zurück. Bedeutet die "neue Normalität", dass wir weitgehend zu dem zurückkehren werden, was früher einmal war?
Steve Westly: Ich glaube nicht, dass dies der Fall sein wird. "Business as usual" kann nicht mehr unser Ziel sein. Eine Krise ist eine Chance, unsere Unternehmen schneller in eine bessere Zukunft zu führen. Wie Kevin Kelly, der Gründer von WIRED, es ausdrückt: "Wenn Krisen und Katastrophen zuschlagen, darf man sie nicht verschwenden. Keine Probleme, kein Fortschritt." 

Sie sehen die Krise als ein Bruch – im positiven Sinne. 
Sie ist eher eine Beschleunigung. Die Corona Krise schafft keine neuen Trends; sie fördert diejenigen, die wir bereits kennen: Kohle, Öl und Erdgas schrumpfen, es gibt einen weltweiten Trend hin zu erneuerbaren Energien, Elektrofahrzeugen und intelligenten Gebäuden. Wenn man sich viele der erfolgreichsten Unternehmen aus diesen Sektoren ansieht, stellt man fest, dass noch vor wenigen Jahren keines von ihnen existierte. Heute sind das 100-Milliarden-Einhörner. Als kluger Investor erkennt und nutzt man diese Entwicklung.  

Seit 2011 haben die vier grössten US-Kohleunternehmen 44 Milliarden US Dollar an Marktkapitalisierung verloren. Bild: The Westly Group

Andere scheinen einen anderen Ansatz zu verfolgen: Fachleute sprechen darüber, wie sie erwarten, dass sich die Ölpreise innerhalb weniger Jahre wieder normalisieren. Chinas Ölnachfrage hat sich inzwischen auf mehr als 90% des Niveaus vor der Pandemie erholt. 
Als die Krise im April zuschlug, fielen die Ölpreise für kurze Zeit unter Null. Sie sehen jetzt vielleicht besser aus. Aber die Realität ist diese: Öl gehört der Vergangenheit an. Dasselbe gilt für fossile Brennstoffe im Allgemeinen. Und das ist nicht einmal eine Frage der Mentalität oder der Philosophie – schauen Sie sich nur die Zahlen an. Seit 2011 haben die vier grössten US-Kohleunternehmen 44 Milliarden US Dollar an Marktkapitalisierung verloren. Gleichzeitig sinken die Kosten für die Lagerung von erneuerbaren Energien rapide. Das macht sie billiger als kohlenstoffbasierte Brennstoffe. 

Wie reagiert die Branche der fossilen Brennstoffe? 
Sogar in den konservativsten Wirtschaftssektoren ist man sich der Veränderung bewusst. Wir befinden uns mitten in einer seismischen Verschiebung. Die europäischen Ölkonzerne wissen, dass sie bei erneuerbaren Energien führend werden müssen, wenn sie in Zukunft eine Chance haben wollen. US-amerikanische Unternehmen sind in dieser Hinsicht immer noch im Rückstand.

Ganze Länder und Staaten wie Texas hängen vom Öl ab...
Ja, Texas hat auf Öl gebaut. Aber das verschiebt sich jetzt, da die Ölindustrie schrumpft. Der Bundesstaat wird mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert sein, die durch geringere Investitionen in die öffentliche Bildung, den mangelnden Umweltschutz und die Pandemie verursacht werden. Aber auch Texas verändert sich. Man spricht jetzt davon, mehr in die öffentliche Gesundheit und Bildung zu investieren: Texas bewegt sich darauf zu, ein "Blue State" zu werden – also demokratisch. Wer hätte das gedacht.  

Steve Westly

Das Multitalent aus dem Silicon Valley ist Gründer und Managing Partner von The Westly Group, einem grossen Nachhaltigkeits-Venture-Unternehmen mit einem verwalteten Volumen von fast 420 Millionen US-Dollar. Die Gruppe konzentriert sich auf kapitaleffiziente, wachstumsstarke Unternehmen in vielversprechenden Sektoren wie Energie und Mobilität. Er leitet auch die Westly Foundation, die Bildungs- und Gesundheitsdienste für Kinder und unterversorgte Gemeinden in ganz Kalifornien anbietet. 

Vor der Gründung von The Westly Group war er auch in anderen Bereichen aktiv: Bildung und Politik. Westly lehrte an der Stanford's Graduate School of Business und hat zwei Bücher über alternative Energien veröffentlicht. Nachdem er das Online-Auktionsunternehmen eBay durch die Zeit seines schnellsten Wachstums geführt und das Unternehmen 1998 an die Börse gebracht hatte, war er auch als Controller und Chief Fiscal Officer des Staates Kalifornien tätig. An den Wahlen von 2008 war er als kalifornischer Co-Vorsitzender an der Kampagne "Obama for America" beteiligt. 

Der Übergang zu Elektrofahrzeugen ist ein weiterer Trend, den die Covid-Krise beschleunigt hat.
Ja, und das ist eine langfristige Entwicklung. Die Autoverkäufe werden in naher Zukunft wahrscheinlich zurückgehen. Die Branche muss sich neu erfinden. Das ist etwas, das Tesla richtiggemacht hat. Innovation ist der Schlüssel. Wenn Sie im Autogeschäft tätig sind, besteht Ihre Aufgabe nicht mehr darin, Boxen herzustellen. Es geht darum, wie man neue wirtschaftliche Modelle einführen kann – Ihr Kunde kann zehn Dollar pro Monat für ein neues Unterhaltungsprogramm im Fahrzeug bezahlen oder sich für eine Selbstfahrer-Option entscheiden. Tesla ist nicht nur eine Autofirma, sondern auch ein Technologieunternehmen. Ihre Autos sind zu Online-Geräten geworden, während die grossen Autofirmen noch immer nicht herausgefunden haben, wie man Fahrzeuge mit Internetzugang auf den Markt bringt. 

Selbst traditionelle Hersteller, die nicht an die E-Mobilität glaubten, sind inzwischen umgestiegen, wie zum Beispiel VW.
VW haben sich nach dem Dieselgate rehabilitiert, als sie die Schadstoffemissionsergebnisse verfälschten. Sie versuchen, im Bereich E-Mobilität wieder führend zu werden, was manche Leute stört. Gerade in der Autoindustrie hört man oft den Vorwurf des Greenwashing. Aber was man gerne vergisst, ist, dass Greenwashing als Phänomen sehr aufschlussreich und in gewisser Weise ein gutes Zeichen ist. Globale Unternehmen verstehen, dass ihre Kunden erwarten, dass sie grün sind.

Wie meinen Sie das? 
Warum betreiben Unternehmen Greenwashing? Weil die Öffentlichkeit will, dass sie grün sind. Sie reagieren auf einen gewissen Druck – natürlich auf die falsche Art, aber es ist ein Beweis dafür, dass es diesen Druck gibt. Die Millennials übernehmen bald die Führung. Wenn Sie als Unternehmen erfolgreich sein wollen, können Sie es sich nicht länger leisten, sich nicht um den Klimawandel zu kümmern oder homophob zu sein. 

Das scheint ein sehr optimistischer Ausblick. 
In der Zukunft erwarte ich mit Sicherheit nicht mehr Deglobalisierung. Es wird mehr globale Zusammenarbeit geben, nicht weniger. Wir brauchen sie, um die Covid-Krise zu bekämpfen und einen Impfstoff zu finden – und das geschieht gerade jetzt. Bei der Suche nach einem Heilmittel machen wir grosse Fortschritte. Sobald man einen Impfstoff gefunden hat, wird man ihn extrem schnell herstellen, und er wird weltweit verteilt werden. Zum ersten Mal überhaupt arbeitet die ganze Welt in die gleiche Richtung. 

Junge Unternehmer und Investoren

Steve Westly ist Referent an der LGT Next Generation Academy (NGA). Die NGA bietet jungen Unternehmern und Investoren die Möglichkeit, ihre Kenntnisse im Finanz- und Asset Management zu vertiefen. Sie ist auch eine Plattform für den internationalen Austausch und präsentiert inspirierende Vorträge und Workshops zu den Themen Unternehmertum und Innovation.

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