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Teilen statt besitzen

30. März 2020

Lesezeit: 5 Minuten

von Kerstin Zilm, Gastautorin

Robin Chase

Robin Chase ist Mitgründerin von Zipcar, einem der grössten Carsharing-Dienste weltweit. Sie nutzte bereits 1999 das Internet, um überschüssige Waren zu teilen.

"Hier hat alles begonnen." Robin Chase deutet auf einen kleinen Tisch im Andala Coffee House in Cambridge, Massachusetts. "Hier entstand unsere Carsharing-Idee. Meine Kinder waren damals sechs, neun und zwölf Jahre alt. Mein Mann fuhr mit unserem Auto täglich zu seinem Job. Ich war meist zu Fuss, mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs." Ein zweites Auto war für Robin Chase keine Option. Ab und zu hätte sie aber gerne ein Fahrzeug genutzt, für grössere Einkäufe zum Beispiel oder wenn sie mit einem ihrer Kinder unerwartet zum Arzt musste. Dann kam das Treffen mit Antje Danielson in besagtem Café.

Danielsons Sohn Max und Chases jüngste Tochter Linnea besuchten den gleichen Kindergarten. Die Mütter verband ihr Interesse an Umweltschutz und Gemeinschaftssinn. Im Herbst 1999 war Danielson gerade von einer Reise aus Berlin zurückgekehrt und erzählte begeistert, dass man dort Autos stundenweise leihen könne. Von ihrer Bekannten mit Wirtschaftsabschluss an der Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology wollte sie wissen, ob das eine tragfähige Geschäftsidee für die USA sein könnte.

Die richtige Idee im rechten Moment

«Es war der perfekte Moment und ich genau die Person, die diese Geschichte hören sollte», sagt Robin Chase noch heute voller Überzeugung. Sie wollte nach zwei Jahren, in denen sie sich auf die Erziehung ihrer Kinder konzentriert hatte, wieder arbeiten und suchte eine gute Start-up-Idee. Es ging ihr nicht nur um Selbstständigkeit und Geld. Sie wollte zur Verbesserung der Gesellschaft und des Klimaschutzes beitragen und war sich sicher, dass ein Carsharing-Dienst im dicht besiedelten Boston mit seinen innovationsfreudigen Bewohnern funktionieren würde.

Robin Chase Zipcar
Robin Chase fährt gerne Fahrrad, hier in dem Viertel von Cambridge, Massachusetts, wo sie wohnt und arbeitet.

Potenzielle Investoren waren nicht so überzeugt von diesem Geschäftsmodell. Sie argumentierten, dass US-Bürger ihr Auto als Statussymbol sähen, das sie besitzen wollten; und sie glaubten auch nicht an das Internet als Plattform. Lediglich 40 Prozent der Bewohner Bostons hatten zu der Zeit Zugang zum World Wide Web, und das meist nur am Arbeitsplatz. Kapitalanleger befürchteten zudem, dass Kunden die Autos unvorsichtig behandeln würden. Zu allem Übel löste auch noch das Wort «share» negative Assoziationen aus. «Leute dachten an Hippies und schlechte Qualität, an schmuddelige Ware und langsamen Service», erzählt Robin Chase lachend von der Anfangsphase.

Start in der Start-up-Branche

Sie selbst war es von klein auf gewohnt, zu teilen und andere Fortbewegungsmittel als das Auto zu benutzen. Sie ist die Tochter eines US-Diplomaten, hat fünf Geschwister und erkundete in ihrer Jugend Damaskus, Jerusalem, Swasiland und Teile der USA zu Fuss, mit Roller und Fahrrad. Ihr Leben lang hat sie es spannender und wichtiger gefunden, Orte und Kulturen zu erforschen, als materiellen Besitz anzusammeln.

Basierend auf ihren eigenen Erfahrungen glaubt die Unternehmerin fest daran, dass die meisten Menschen gerne Hilfe und Zeit anbieten, wenn es ihnen möglich ist und sie sehen, dass andere diese benötigen. Sie war sich ausserdem sicher, dass dank dem Internet ein müheloser stundenweiser Autoverleih möglich wäre und dass auch US-Bürger lieber Autos teilen als besitzen würden, wenn es finanziell für sie von Vorteil wäre.

Daher liess sie sich von keinen Widerständen aufhalten, fand Geldgeber, eine Versicherung für drei hellgrüne Volkswagen und einen Namen, der dem neuen Unternehmen ein cooles Image verlieh: Zipcar. Sie verbot ihrem Team, den Dienst mit dem Wort «Sharing» zu erklären, und legte folgende Formulierung fest: «Zipcar macht Autoleihen so leicht und bequem wie Geldabheben am Automaten.» Kaum ging die Zipcar-Website im Juni 2000 online, meldeten sich die ersten Kunden an – und das Unternehmen entwickelte sich zum grössten Carsharing-Dienst der Welt.

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Robin Chase im Andala Coffee House, wo die Idee für Zipcar entstand

2013 erwarb die Avis-Budget-Gruppe das Unternehmen für 500 Millionen Dollar. Chase und Danielson waren da schon längst nicht mehr in der Geschäftsführung und hielten nach mehreren Finanzierungsrunden auch nur noch wenige Prozent der Aktien. «Die Geschäftsführung abzugeben war wirklich schwer. Zipcar war wie mein viertes Kind», sagt Chase über ihren Schritt im Jahre 2003, der vor allem private Gründe gehabt habe. Ihr Vater starb innerhalb von sechs Monaten, und ihre älteste Tochter, zu der Zeit 15 Jahre alt, stieg ins Model-Geschäft ein. «Da wollte ich definitiv immer dabei sein. Auch hatte ich gerade eine sehr anstrengende Finanzierungsrunde mitten in der Dotcom-Blase hinter mir und war körperlich ein Wrack.»

Rückblickend sieht sie diese Entwicklung als Segen, weil der Rückzug von Zipcar ihr Freiheit und Zeit gab, andere Start-ups zu gründen, stets mit Unterstützung ihres Mannes Roy Russell. Der Elektroingenieur hatte seinen Job gekündigt, während Chase über hundert Stunden pro Woche daran arbeitete, Zipcar in die Gänge zu bringen. «Unsere Kinder drohten zu verwildern», sagt die Mutter nur halb im Scherz. «Er übernahm zwei Jahre lang den Hauptteil der Erziehung.» Russell wurde später zum Tech- Ingenieur von Zipcar, eine Aufgabe, die er seither in all ihren Start-ups übernommen hat.

Kapitalismus neu überdenken

Das «Time Magazine» listete Chase 2009 als einen der «einflussreichsten 100 Menschen der Welt». Ihr TED-Talk «Excuse me, may I rent your car?» wurde seit 2012 mehr als 59 000 Mal abgerufen. 2010 zogen sie und Russell für zwei Jahre nach Paris, um Buzzcar zu gründen, eine Plattform, die es möglich macht, Autos direkt von den Besitzern zu leihen. 2012 wurden sie Mitgründer von Veniam, einem Unternehmen, das Technologie in Fahrzeugen installiert, sodass diese auch entlegene Stadtteile mit zuverlässigem Wi-Fi versorgen können.

Robin Chase Peers Inc.
Laut Chase ist eine Wirtschaft, die auf Kollaboration beruht, die beste.

Robin Chase ist überzeugt, dass eine Wirtschaft, die auf Kollaboration beruht, die beste ist – und Kapitalismus dafür komplett überdacht werden muss. Ihre Thesen erklärt sie in ihrem Buch «Peers Inc». ‹Inc› steht dabei für Unternehmen, die Online-Plattformen schaffen, und ‹Peers› für Einzelunternehmerinnen und -unternehmer, die ihre Dienste, ihr Wissen und ihre Waren über diese Plattformen anbieten. «Die effizienteste Struktur für ein Unternehmen ist die, so wenig wie möglich zu besitzen und so viel Beteiligung wie möglich von aussen zu fördern.» Sie glaubt, dass solche Unternehmen schneller wachsen und mehr Vielfalt und Kreativität anziehen, dadurch mehr Innovation umsetzen sowie rascher die exakt passende Person für jeden Job finden.

Seit der Gründung von Zipcar entdeckt Chase überall Potenziale, um überschüssige Ressourcen besser zu nutzen und zu teilen – von Autos, Betten und Smartphones über Sonnen- und Windenergie, Talent, Erfahrung und Kreativität bis hin zu ungenutzten Schulsporthallen und -bühnen. Sie sieht einen nahezu unerschöpflichen Vorrat unerschlossenen und unerkannten Reichtums, von dem Produzenten und Konsumenten profitieren können. In «Peers Inc» schreibt sie: «Es gibt schon mehr als genug physische Dinge. Wir müssen nur anders darüber nachdenken und die Abläufe neu organisieren.»

Fotos: Sally Montana

Dieser Artikel ist erstamls im LGT Kundenmagazin CREDO erschienen.

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