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"Konkurrenz ist keine Lösung"

21. Juni 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Laura Gianesi, LGT

Joshua

Josh Tetrick, Gründer und CEO von JUST, sieht die Zukunft des globalen Lebensmittelmarktes in neuen Fleischersatzprodukten, mehr Zusammenarbeit und niedrigeren Preisen.

Das Äquivalent von mehr als 40 Millionen Eiern. Das ist die Menge an Ei-Ersatz, die Josh Tetricks Lebensmittelfirma Eat JUST, Inc., seit der Gründung im Jahr 2008 hergestellt und verkauft hat.

Ob in Supermarktregalen oder auf Menükarten – die flüssige, pflanzliche Alternative findet man in der ganzen USA. Sie besteht aus einfachen Zutaten: Wasser, Mungobohnen-Proteine, Rapsöl und Gewürze. Jahrelanges Forschen und Tüfteln war nötig, um die Substanz aussehen, kochen und schmecken zu lassen wie Rührei.

Eier sind jedoch nicht genug: Das in San Francisco ansässige Unternehmen stellt ausserdem vegane Alternativen für Fleisch her. Der Gründer und CEO Joshua "Josh" Tetrick sprach mit uns über soziales Unternehmertum und die Zukunft des Lebensmittelmarktes.

Josh Tetrick, Sie sind Unternehmer, Redner, Schriftsteller, CEO. Als was sehen Sie sich in erster Linie?

Als Unternehmer, ganz klar. Um die dringendsten vor uns liegenden Herausforderungen zu lösen, ist es notwendig, talentierte, zielstrebige Menschen zusammenzubringen, um etwas Neues zu entwickeln und Gutes zu tun.

Sie sagen, Sie verstehen sich als sozialer Unternehmer. Was bedeutet das?

Für mich bedeutet es Unternehmertum, das sich auf die Lösung gesellschaftlicher Probleme wie Klimawandel und Hunger oder die Verbesserung menschlicher Gesundheitssysteme konzentriert. Das im Gegensatz zu "blossem Unternehmertum", das nur ein einziges Ziel hat; und zwar Geld.

JUST egg
Die JUST Eier findet man in den Supermarktregalen und auf den Menükarten in der ganzen USA.

Sie beschreiben Ihre Vision mit den folgenden Worten: "Bevor wir sterben, ist ein faires, ehrliches und gerechtes Ernährungssystem das Ernährungssystem jeder Gemeinschaft". Wie wollen Sie dieses ehrgeizige Ziel erreichen?

Durch die Entwicklung von Technologien, die es uns ermöglichen, Produkte herzustellen, die gesünder, nachhaltiger und für jeden Menschen auf dem Planeten zugänglich sind. Um das zu erreichen, müssen wir über den Tellerrand hinausblicken und mit den bestehenden Akteuren der Industrie zusammenarbeiten. Das bedeutet, dass wir uns intern auf unsere Stärken in den Bereichen Wissenschaft, Technologie und Kulinarik konzentrieren müssen, um neue, differenzierte Produkte zu schaffen – aber auch Partnerschaften mit Eierherstellern und anderen Unternehmen eingehen müssen, um von deren Wissen, Vertrieb und Grösse zu profitieren.

In Ihren Vorträgen und Artikeln sprechen Sie immer wieder über systemische Fragen des globalen Ernährungssystems. In Ihrem TED-Talk von 2013 zum Beispiel argumentieren Sie, dass "Nahrung ein kaputtes System ist". Was genau ist daran kaputt?

Es beginnt damit, dass allein heute Abend eine Milliarde Menschen hungern werden. Das Ernährungssystem ist für einen bedeutenden Prozentsatz der CO2-Emissionen verantwortlich, das Ernährungssystem hat dazu geführt, dass Herzkrankheiten die Todesursache Nummer eins in den USA sind, und das Ernährungssystem macht unsere Gemeinschaften anfälliger für das Übergreifen von Tierpathogenen, welche die menschliche Gesundheit gefährden. Es gibt eine Menge, was wir in Ordnung bringen müssen.

JUST eggs
Jahrelanges Forschen war nötig, um die Substanz aussehen, kochen und schmecken zu lassen wie Rührei.

In Ihrem TED-Vortrag ging es vor allem darum, dass wir die Welt auf eine Weise ernähren, die im Widerspruch zu unseren Werten steht. Ihre Antwort auf diesen Konflikt besteht darin, Nahrung neu zu erfinden, indem Sie das Tier aus der Gleichung streichen. Würden Sie sagen, dass dies der Kern Ihres Konzeptes ist?

Ganz genau. Indem Sie das Tier aus der Gleichung herausnehmen, nehmen Sie so viele problematische Faktoren aus der Gleichung – wie die Abholzung von Wäldern, Risiken für die Lebensmittelsicherheit und eine immense Menge an Wasser- und Landnutzung. Sie schaffen ein Nahrungsmittelsystem, das für alle funktioniert.

Was ist der Hauptwert von JUST: Dem Klima helfen? Den Hunger bekämpfen? Tierschutz?

Das Gute an der Verbesserung des Ernährungssystems ist, dass man nicht einen Wert über den anderen stapeln muss. Das sind zusammenhängende Herausforderungen, und die Lösung besteht darin, Lebensmittel für alle gesünder und nachhaltiger zu machen.

Sie produzieren nicht nur Lebensmittel, sondern Sie veröffentlichen auch Daten, mit denen andere Forscher arbeiten können. Sind Sie auch ein Labor?

Forschung und Datenaustausch sind ein primärer Schwerpunkt unserer Arbeit. Ohne die Identifizierung neuer Werkzeuge im Pflanzenreich und neuer Wege zur Herstellung von Fleisch aus Zellen statt aus geschlachteten Tieren wären wir nicht in der Lage, das zu tun, was wir tun. Und wir sind offen dafür, unser Fachwissen in Zukunft mit anderen zu teilen. Wenn wir wirklich grosse Probleme lösen wollen, ist Konkurrenz nicht die Lösung, sondern Zusammenarbeit.

JUST eggs
"Die Kosten und damit auch der Preis von Produkten wie unseren werden sinken."

Früher haben Sie sich auf pflanzliche Lebensmittel konzentriert, jetzt arbeiten Sie an Fleisch aus dem Labor: Fleisch aus Tierzellen statt aus geschlachteten Tieren. Warum diese Veränderung?

Wir arbeiten daran, neue Methoden zur Herstellung von echtem, qualitativ hochwertigem und sicherem Fleisch direkt aus Tierzellen zu entwickeln. Wir konzentrieren uns auf Technologien, die für jede Kategorie Sinn machen. Bei Eiern haben wir festgestellt, dass Pflanzen am besten funktionieren. Bei Fleisch haben wir festgestellt, dass tierische Zellen am besten funktionieren. In beiden Fällen arbeiten wir jedoch mit der breiteren landwirtschaftlichen Gemeinschaft zusammen und sind davon überzeugt, dass das dazu beitragen wird, die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung zu ermöglichen.

Was sind Ihre Pläne für JUST Meat?

Als erstes kultiviertes Fleischprodukt werden wir Hühnchen herstellen, und wir befinden uns noch im Anfangsstadium der Forschung und Entwicklung von Rindfleisch. Wir arbeiten mit den Regulierungsbehörden in mehreren Ländern an einer effizienten Markteinführung und haben mit Spitzenrestaurant-Köchen auf der ganzen Welt gesprochen. Bis heute hat noch kein Unternehmen irgendwo auf der Welt Zuchtfleisch kommerziell verkauft. Wir hoffen, unter den ersten zu sein.

Der Markt für Fleischersatzprodukte wächst, wird aber auch immer härter umkämpft. Wie sehen Ihre Prognosen für die Zukunft aus?

Da immer mehr Menschen Lebensmittel wünschen, die gesund sind und gut schmecken, werden wir mehr und mehr Unternehmen auf der ganzen Welt sehen, die versuchen, in diesem Bereich zu konkurrieren. Das ist eine gute Sache. Die Kosten für uns und damit auch der Preis für die Konsumenten von Produkten wie unseren werden sinken. Dadurch werden gesunde, vegane Alternativen allgegenwärtig werden – wie es zum Beispiel Coca-Cola heute ist. Das Resultat: Ein stärkeres, gesünderes Ernährungssystem.

Bilder: Eat JUST, Inc. 

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